Welt 12.02.2026
10:15 Uhr

Julia Klöckner besucht Gaza-Streifen – und fordert Tempo beim Friedensplan


Erstmals seit dem 7. Oktober 2023 besucht mit Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) eine europäische Spitzenpolitikerin den Gaza-Streifen. Sie macht sich ein Bild der Lage im israelisch besetzten Teil. Die Grünen werfen ihr eine Vernachlässigung der palästinensischen Seite vor.

Julia Klöckner besucht Gaza-Streifen – und fordert Tempo beim Friedensplan

Am Donnerstagmorgen um kurz nach acht Uhr setzte sich der Tross der Bundestagspräsidentin in Jerusalem in Bewegung. Das Ziel: der Gaza-Streifen. Kein deutscher, kein europäischer Spitzenpolitiker war bisher dort, seit die Lage so ist, wie sie ist. Gesichert von Soldaten der israelischen Armee, machte sich Julia Klöckner (CDU) ein Bild der Lage in dem weitgehend zerstörten Gebiet – rund eine Stunde lang. Dabei fuhr Klöckner nicht über die sogenannte Gelbe Linie hinaus, jenen Teil des Gaza-Streifens, der von der Hamas kontrolliert wird. Sie besuchte einen Stützpunkt der israelischen Armee, von dem man über besagte Linie in das Gebiet schauen kann, das von den Terroristen kontrolliert wird. Von dort aus kann man die Stadt Deir al-Balah erkennen. Klöckners Reisepläne sorgten in der Bundesregierung und der schwarz-roten Koalition für Verstimmungen: Nach „Politico“-Informationen sollen das Auswärtige Amt und die Deutsche Botschaft in Tel Aviv abgeraten haben. Der israelische Botschafter in Deutschland, Ron Prosor, war bei der Vorbereitung des Besuchs im Gaza-Streifen eingebunden. „Der Zugang zu unterschiedlichen, belastbaren Lageeinschätzungen ist Voraussetzung für eine verantwortungsvolle politische Einordnung“, sagte Klöckner am Vormittag an einem Übergang in den Gaza-Streifen nahe der südisraelischen Siedlung Kissufim nach ihrer Rückkehr. „Ich begrüße ausdrücklich, dass Israel mit mir nun erstmals einer parlamentarischen Beobachterin Zugang zum Gaza-Streifen ermöglicht hat.“ Die Bundestagspräsidentin gestand ein, dass sie bei ihrem Aufenthalt „nur einen begrenzten Einblick erhalten“ habe. Dennoch sei der Besuch „ein wichtiges Signal, gerade weil es sich um ein Gebiet handelt, in dem man sich aufgrund der weiterhin fragilen Waffenruhe nach wie vor nicht sicher bewegen kann“. Warnung vor einer „dauerhaften Barriere“ in Gaza Klöckner ist seit Dienstag in Israel. Sie führte dort Gespräche, unter anderem in der Knesset und mit Israels Außenminister Gideon Saar. Kritiker monierten zunächst, dass in ihrem Programm keine Termine mit Vertretern der Palästinenser vorgesehen waren. Die Bundestagspräsidentin sagte, sie appelliere an Israel, den Weg der Öffnung weiterzugehen. „Die aktuellen Sicherheitsmaßnahmen nach dem 7. Oktober 2023 sind nachvollziehbar“, so die CDU-Politikerin am Donnerstag. „Die Gelbe Linie – so ist es im Friedensplan festgelegt – ist aber keine feste Grenze, sondern nur eine temporäre Demarkationslinie.“ Sie dürfe „nicht zu einer dauerhaften Barriere“ werden. Klöckner forderte Zugang für internationale, unabhängige Beobachter: „Transparente Lagebilder stärken Vertrauen.“ Es müsse „perspektivisch“ einen Zeitplan für weitere Schritte zur Umsetzung des Friedensplans geben. Die Co-Vorsitzende der Grünen, Franziska Brantner, kritisierte Klöckners Besuch im Gaza-Streifen und warf ihr Einseitigkeit sowie eine Vernachlässigung der palästinensischen Seite vor. „Es ist gut, dass Bundestagspräsidentin Julia Klöckner sich vor Ort ein Bild von Gaza machen möchte“, sagte Brantner dem „Spiegel“ (verlinkt auf https://www.spiegel.de/politik/israel-julia-kloeckner-gazastreifen-unter-schutz-der-israelischen-armee-a-9824f317-0907-4d1f-bc3c-ab581d0bd2c3) . „Aber wenn sie dies tut, ohne die Seite der Palästinenser auch nur anzuhören, muss sie sich den Vorwurf gefallen lassen, die Wirklichkeit in dieser Region nur einseitig wahrnehmen zu wollen.“ Es könne keine Lösung geben, ohne dass die Position der Palästinenser auf Augenhöhe miteinbezogen werde, sagte Brantner. „Gerade eine Bundestagspräsidentin sollte sich dieser Verantwortung bewusst sein.“ Bei der SPD wird Klöckners Gaza-Besuch unterschiedlich bewertet. Der außenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Adis Ahmetovic, hatte vor der Visite gegenüber der „FAZ“ (verlinkt auf https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/bundestagspraesidentin-spd-kritisiert-moeglichen-gaza-besuch-kloeckners-110835361.html) erklärt, ein Besuch im Gaza-Streifen in Begleitung der israelischen Armee wäre ein „eklatantes Signal“. Falko Droßmann (SPD), Chef der deutsch-israelischen Parlamentariergruppe, sagte „Politico“ in Jerusalem hingegen: „Ich begrüße es, wenn sie fährt.“ Spannend dürfte werden, ob die Reise in der Union auf ungeteilte Zustimmung stößt. Die Amerikaner setzen auf die zweite Phase des Friedensplans für Gaza, in dessen Zentrum eine – sehr weitgehende – Entwaffnung der Hamas steht. „Als internationale Gemeinschaft müssen wir diesen Prozess begleiten und dabei sowohl Israels Sicherheitsbedürfnisse als auch die humanitäre Lage in Gaza im Blick haben“, sagte die Bundestagspräsidentin. Vor ihrem Rückflug besuchte sie noch das Gelände des Nova-Music-Festivals, wo Hamas-Terroristen am 7. Oktober 2023 (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/ausland/article253849604/7-Oktober-2023-Die-Chronik-des-Hamas-Angriffs-auf-Israel.html) ein Massaker angerichtet hatten. Rasmus Buchsteiner (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/rasmus-buchsteiner/) ist Chief Correspondent Berlin bei „Politico“ Deutschland.